Lebensbetrachtung

Eine kleine Lebensbetrachtung

Als ich auf der Suche nach einem passenden Nahmen für mein Unternehmen war, schlug mir ein guter Freund vor, es doch Life-Sheet – also s-Partitur – zu nennen. Die Grundidee dahinter verstand ich, doch irgendwie sträubte sich etwas in mir. Ich konnte nicht genau fassen was es war. Einige Zeit später wurde mir klar: das ist nicht die Art, wie ich das sehe oder was für mich das Ziel bspw. eines Coachingprozesses ist. In einer Partitur ist alles genau festgeschrieben. Sie strukturiert gewissermaßen ein Orchester oder ein Ensemble. Es gibt auf Grund der vorgegebenen Notation klare Richtlinien, wann man zu spielen hat und wann nicht, welche Lautstärke und in welchem Tempo.

Und genau an diesem Punkt kommt meine andere Sichtweise ins Spiel. Ich glaube nicht, dass wir heutzutage unser nach einer vorgegebenen Partitur abspielen können. Das war bis vor ein paar Jahren noch anders. Früher war klar, als Sohn übernimmt man den Beruf des Vaters, als Tochter heiratet man und kümmert sich um Heim und Familie. Die einzige , die man innerhalb dieser Partitur hatte war, das vorgegebene Stück nach dem eigenen Verständnis der Musik zu interpretieren, die Lautstärke zu variieren und eigene Modulationen einzubauen. Aber arg viel Spielraum gab es – je nach Familie – nicht. Dies ist zum Glück heute anders. Heute haben wir die Wahl, wie wir unser gestalten wollen. Welchen Beruf wir wählen, wen wir heiraten – oder ob wir überhaupt heiraten, wie wir unsere Freizeit gestalten, alles ist nach eigenem Gusto individuell zu designen.

Ich finde, unser heutiges gleicht mehr einer Jam-Session, bei der verschiedene Musiker spontan zusammenkommen, die zum Teil noch nie zusammen gespielt haben, und einfach anfangen und zusammen musizieren. Sie müssen sich vielleicht erst einmal aufeinander einspielen, improvisieren stellenweise, reagieren spontan auf das, was von den Mitmusikern vorgegeben wird oder werfen selbst eine eigene musikalische Idee in den Raum und hoffen, dass die anderen diese verstehen, aufnehmen und weiterentwickeln. Das ist ähnlich. Egal ob beruflich, in Bezug auf Partnerschaften oder Freundschaften. Ich suche mir erst einmal mein grundsätzliches Genre aus. Mag ich es eher rockig oder sanfter? Lieber jazzig-improvisatorisch oder doch klassisch-traditionell? Und dann begebe ich mich auf die Bühne des s, schaue, wer sich als Mitmusiker noch dazugesellt und wir fangen an, gemeinsam „unser“ Stück zu entwickeln. Vielleicht habe ich Glück und es ist eine Zusammensetzung von Musikern, mit denen man vom ersten Ton an spielt, als hätte man sein ganzes schon gemeinsam musiziert. Vielleicht braucht es eine Zeit, bis man sich aufeinander eingespielt hat. Und mit manchen wird man vielleicht auch nach mehreren Stunden gemeinsamen Spiels nicht warm werden. Manche Mitspieler bleiben, andere gehen wieder, dafür kommen neue. Manchmal wechselt man vielleicht auch selbst das Genre, weil man merkt, dass man sich in diesem nicht wohl fühlt, dass es einen Über- oder Unterfordert oder weil man sich selbst weiterentwickelt hat oder ein anderer sabschnitt ansteht.

Das moderne ist variabel, ist mehr Improvisation und Ausprobieren. Es kann manchmal anstrengend sein, keine Partitur zu haben die einem vorschreibt, wie man sein zu führen hat. Aber es bietet auch viele Möglichkeiten und Chancen. Und es gibt kein Richtig oder Falsch, sondern lediglich ein „das hat jetzt nicht so toll geklungen“.

Seit ich dieses Bild der s-Jamsession für mich entdeckt habe, ist eine gewisse Leichtigkeit in mein gekommen. Wenn ich das als spontanes Improvisationsstück sehe, dann verbeiße ich mich nicht mehr so sehr in manche Situationen. Ich gehe nicht mehr davon aus, dass mein Gegenüber doch jetzt so und so zu reagieren hat, denn es gibt ja keine Partitur. Im Gegenteil, ich bin jetzt sogar immer wieder gespannt darauf, was mir vorgespielt wird und schaue dann, wie ich – in meiner ganz persönlichen Art – darauf antworten kann.

Ich habe zwar die Tonart, das Instrument und das grundlegende Genre gewählt. Was dabei jedoch herauskommt, ist jeden Tag aufs Neue nicht vorhersehbar und macht damit jeden einzelnen Tag unglaublich spannend. Und auch meine Reaktion ist je nach Tagesstimmung und Umgebung immer anders. Und wenn ich mich doch mal in der Tonart vertue oder das, was ich produziere nicht ganz so wohlklingend ist wie gedacht, was soll es? Entweder einer meiner Mitspieler reagiert darauf und es wird am Ende doch noch gut, oder ich muss über Improvisation schauen, dass ich es nochmal rette.

Und auch im Coaching will ich meine Kunden nicht anleiten, wie sie zu spielen haben oder sie in eine „Partitur“ drängen. Viel mehr ist auch das eine gemeinsame Jam-Session, bei der ich am Anfang nicht weiß, was das Ergebnis ist. Ich jamme in gewisser Weise mit dem Kunden zusammen, schaue was für ihn passt, lasse ihn selbst ausprobieren und versuche, mit ihm gemeinsam seine ganz eigene, individuelle Spielart zu finden.

Das ist keine vorgeschriebene Partitur, bei der alle vorhersehbar musizieren. Lasst uns eine Runde jammen!

Über den Autor dieses Beitrags:

Spirit Concert bietet Einzelcoachings für persönliche Veränderungen an. Das Besondere ist, dass über Beispiele aus Musik Zusammenhänge verständlich gemacht werden und Aha-Momente entstehen. Das Ziel ist, seine individuelle Lebens-Komposition zu kreieren und so sein Leben nach seiner eigenen Melodie zu leben.

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